Baumjohann, Breno, Toni: Dreifaches Risiko
Viel Lob gab es für die Aktivitäten des FC Bayern auf dem Weihnachtsbasar. Jungmanager Christian Nerlinger stellte sich dabei hinter die Theke und haute gleich vier Spieler raus. Luca Toni verschwand auf Leihbasis Richtung Rom, Breno und der Ottl Andi gingen leihweise nach Nürnberg, Alex Baumjohann wurde sogar endgültig verkauft, an Felix Magaths Schalke.
Und tatsächlich, die Alles-muss-raus-Aktion bietet Bayern München Vorteile:
1) Louis van Gaal hat endlich einen schlanken Kader ganz nach seinem Gusto und wesentlich mehr innerbetriebliche Ruhe.
2) Der FC Bayern spart Gehälter - in Zeiten von Finanzkrise und überbordender Personalkosten ein gewichtiges Argument. Mit der Einschränkung allerdings, dass der FCB einen Teil der Gehälter von Breno und Ottl weiterhin übernimmt.
3) Von Breno und Ottl erhofft man sich einen sportlichen Wachstumsschub in der Fremde - um diesen hinterher für den eigenen Verein nutzbar machen zu können. Ganz so wie früher bei Philipp Lahm, ganz so wie hoffentlich demnächst bei Toni Kroos.
Aber: Die Verschlankung birgt auch Risiken. Im Wesentlichen drei:
Risiko 1: “Meistermacher Baumjohann”: Der Ex-Schalker, Ex-Gladbacher, Jetzt-Ex-Bayer und Jetzt-wieder-Königsblaue könnte mithelfen, die Gelsenkirchener zum Deutschen Meister zu machen. Eigentlich unvorstellbar, aber angesichts eines Trainers Felix Magath könnte der Gewinn der Meisterschale sogar für den FC Schalke 04 aus dem Land der Träume in die Realität transferiert werden.
Aus sportlichen und finanziellen Erwägungen war der Verkauf Baumjohanns nachvollziehbar. Vor rund einem halben Jahr zum Nulltarif geholt, kaum gespielt, jetzt mit Gewinn (?) weiterverkauft. Gut. Auch für den Spieler selbst ergab sich durch das erfolglose Bayern-Intermezzo kein Imageschaden. Das stellte sich zuvor bei Jan Schlaudraff, einem vergleichbaren Fall, noch ein wenig anders dar.
Was die Win-win-win-Situation zwischen Bayern, Schalke und Baumjohann aber zu Ungunsten der Bayern beeinflusst: Der Nachwuchskreative wechselt zu einem direkten Konkurrenten! So etwas ist in den seltensten Fällen eine gute Idee. Denn, man glaubt es kaum, Schalke steht nach 17 Spieltagen jeweils einen Platz und Punkt vor dem uneinholbaren Rivalen aus München.
Bleibt die Hoffnung, dass sich Baumjohann in Schalke (in, nicht auf!) nicht zu einem Eckpfeiler entwickelt und womöglich dazu beiträgt, Bayern den Titel (oder einen sicheren Startplatz in der Champions League) zu entreißen. Das wäre wirklich unschön.
Risiko 2: “Verteidiger-Engpass”: Dass Breno in der Bundesliga-Rückrunde in Nürnberg Spielpraxis sammeln, im Abstiegskampf seine Nerven stählen und so einen gewissen Fighting spirit entwickeln soll, macht Sinn. Aber: Ohne ihn verfügt Bayern München nur noch über drei gelernte Innenverteidiger: Martin Demichelis, Daniel van Buyten und Holger Badstuber. Keiner aus diesem Trio verkörpert internationale Klasse.
Was, wenn sich nun einer verletzt? Was, wenn sich der nächste eine lange Rot-Sperre einhandelt? Was, wenn Demichelis weiterhin so unbeholfen über den Rasen stümpert? Was, wenn Daniel van Buyten die Lust verliert, weil sein Vertrag möglicherweise nicht um mehr als ein Jahr verlängert werden soll? Was, wenn…? Braafheid oder Lell in die Innenverteidigung stellen? Nein, keine Alternative.
Grundsätzlich bleibt festzuhalten, ob mit oder ohne Breno: Dem FC Bayern München fehlen herausragende Innenverteidiger.
Risiko 3: “Toni-Dilemma”: Noch ist die Toni-Euphorie groß in Rom. Und in München sind alle froh, dass er weg ist. Aber: Angenommen, Luca Nazionale spielt grottig, schlimm, hundsmiserabel bei der Roma, die ihn deshalb im Sommer doch nicht kaufen will. Was dann? Zu Bayern zurückkehren? Nein, der Weg zurück ist verbaut, ein Comeback zumindest bei einem Trainer van Gaal undenkbar.
Tonis Marktwert wäre bei einer Katastrophenzeit in der ewigen Stadt ebenfalls in den Katakomben des Kolosseums angelangt, kein Verein bereit, eine Ablösesumme für den Ü30-Campione del mondo aufs Bayern-Festgeldkonto zu überweisen. Zumal sein Anschlussvertrag in München nur noch ein weiteres Jahr läuft, bis Sommer 2011. Und zumal Tonis Gehaltsvorstellungen die Vorstellungskräfte der meisten Manager auf eine harte Probe stellen dürften.
Findet sich also im Sommer 2010 überhaupt kein Abnehmer, müsste Bayern München den Italiener wohl oder übel weiterbeschäftigen. Für geschätzte zehn Millionen Euro pro Jahr (!!!), ohne Aussicht auf Gegenleistung in Form von Spielen oder Toren. Denn spielen wird er unter van Gaal wohl nicht mehr. Das nennt man dann wohl eine lose-lose-Situation…

Januar 10th, 2010 at 16:23
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